Kalifornisches La La Land

I’d be safe and warm, if I was in L.A.

Wenn ich den Mamas and The Papas glauben kann, dann gibt es im Winter keinen besseren Ort der Welt, als Los Angeles. Ob Mama Cass und ihre Bandkollegen wirklich recht haben, versuche ich mit einem Selbsttest und fliege für 24 Stunden nach L.A. Mit 24 Stunden ist mein lächerlich kurzer Aufenthalt gemeint. Lächerlich vor allem dann, wenn man diese Zeit den 12 Stunden Hin- und 12 Stunden Rückflug gegenüberstellt. Insgesamt also 48 Stunden. Macht nicht jeder.

Winter – Sommer in 12 Stunden

Die Austrian Airlines bietet Wien – Los Angeles im Direktflug an und fliegt mit einer Boeing 777-200 in drei Klassen: Business, Premium Economy und Economy. Die Strecke geht über Schottland, Island, Grönland und weiter nach Nordkanada – über die wundersam klingende Stadt Saskatoon – vorbei an Salt Lake City, Las Vegas bis an die amerikanische Pazifikküste.

Die Crew ist freundlich, der Service perfekt und auch mein Platz in Reihe 37, hinterste Economy, ist gut. Es wackelt stark, vor allen dann, wenn ich versuche mein Getränk in den Plastikbecher zu füllen oder diesen am Tisch abgestellt habe. Vor mir hat es sich das schwule Pärchen aus der Slowakei gemütlich gemacht und die Sitze nach hinten geneigt. Gefährlich, mein voller Plastikbecher fällt, mein Sitz und meine Hose sind nass. Und es ist eng, meine Knie finden kaum Platz. Aber mit einer guten Auswahl an Filmen, TV-Serien und Musik lässt sich auch das aushalten.

Herausforderung: Einreisen

Gemeinsam mit Petra, einer Polizistin vom Flughafen Wien-Schwechat, laufe ich Richtung Customs & Border Control (CPB), dem Grenzschutz und Zoll der USA. Ich will unbedingt schnell in mein Hotel und den Shuttle nicht verpassen, kenne aber die mitunter großen Schwierigkeiten beim Einreisen in die USA von meinen bisherigen Trips nach New York. Glück gehabt, Petra und ich werden zu Self-Check-In-Terminals geleitet. Passdaten eingeben, Zollerklärung ausfüllen, Fingerabdrücke nehmen und Passbild machen – alles in Eigenregie. Wir bekommen einen Ausdruck, den wir nachher abgeben müssen. Mich macht das große X quer über meinen Ausdruck stutzig. Auch der Vermerk „Present this receipt to CBP“, lasse mich aber nicht beirren. Wenige Meter später leiten mich gelangweilte Einweiserinnen in immer neue, mit Absperrbändern geregelte Warteschlangen. 15 dieser Reihen werden es am Ende und nach mehr als einer Stunde sein. Ich bin froh, dass Petra bei mir ist. Wir vertreiben uns die Zeit mit Persönlichem, ärgern uns, freuen uns über Kleinigkeiten. Etwa darüber, dass wir eine Reihe schneller sind als die restlichen Passagiere unseres Fluges.

Warteschlangen auf amerikanisch

Ich fühle mich wie eine Kuh am Schlachthof. Ähnlich groß ist meine Auswahl an Fluchtmöglichkeiten. Ich versuche ruhig zu bleiben, obwohl ich weiß, dass mein Shuttle zum Hotel längst abgefahren ist. Am Ende unseres „Viehtriebs“ steht Will, ein CBP-Beamter. Er ist freundlich, dennoch ein bisschen misstrauisch, weil Petra und ich uns gemeinsam, also als Reisegemeinschaft, bei ihm anstellen. Ich bleibe 24 Stunden, Petra reist nach Hawaii weiter und bleibt fünf Wochen. Aber Will lässt unseren dreisten Versuch durchgehen und uns einreisen.

Endlich Venice

Palmen, Surfer, Muskelprotze und intensiver Joint-Geruch – nach 20 Stunden im Wachzustand scheinen die Eindrücke am Venice Beach intensiver. Vor allem das stinkende und in Kalifornien legale Gras machen mir zu schaffen. Aber die Wahl von Venice Beach als Startpunkt meiner 24 Stunden L.A. war die richtige. Venice Beach ist einer der Strände entlang der Pazifikküste der Stadt. Im Süden beginnt der kilometerlange Sandstrand mit Hermosa und Manhattan Beach und endet im Nordwesten mit Malibu Beach (nach Santa Monica).

L.A. Strände: von Hermosa im Süden nach Santa Monica im Norden

Ich halte meine Nikon im Anschlag. Bunte Graffitis, Skater, Sportler, Läufer, Biker und Spaziergänger. Dazwischen Obdachlose, Straßenmusikanten und Künstler – mal mehr und mal weniger talentiert. Venice Beach bietet mir alles was mein Fotografenherz begehrt. Ich habe Mühe die richtigen Verschlusszeiten zu finden, die Motive bewegen sich schnell und ich bin hundemüde. Nach Wiener Zeit ist es 1 Uhr Nachts.

Berittene Polizisten kreuzen meinen Weg. Sie sind offenbar gut geübte Fotomodelle und halten einigermaßen still. Ich denke an unseren Innenminister und weiß, so möchte er sein: hoch zu Ross und auf einem Stockmaß von mindestens 1,80 Meter thronend. Ich muss schmunzeln und knipse den lässigen LAPD-Reiter, er posiert.

Cheesecake Madness

Cheesecakes sind Topfentorten und haben dennoch wenig mit dem österreichischen Pendant gemein. Einfach zubereitet sind sie saftige und ausgiebige Süßspeisen, die es im amerikanischen Raum in tausendfacher Ausfertigung und mit unglaublichen Kalorienmengen gibt. Dass es die Amerikaner auch in punkto Sättigung auf die Spitze treiben können, beweist mir die Cheesecake Factory. Zur Niederlassung in Venice Beach gehe ich nach meinem Strandspaziergang. Auf dem Tresen lachen mich liebevoll drapierte Stücke einer Carrot Cake unter einem Glassturz an. Darunter ein Schild mit der Kalorienangabe: 1.720 Kalorien hat ein Stück! Mir wird beim Hinschauen schlecht, kaufe sie später aber trotzdem und mache mich im Hotelbett drüber her.

Der Siegeszug der Cheesecake Factory begann übrigens in den 1940er Jahren in Detroit mit Evelyn Overton, die damals ihr Lieblingsrezept für Cheesecake in einer Zeitung veröffentlichte. Heute betreibt die Overton Familie 210 Cheesecake Factories auf der ganzen Welt. Bekannt ist die Kette aus der Erfolgsserie Big Bang Theory als Arbeitsplatz von Penny, der Rest der Gruppe isst regelmäßig dort. Zusätzlich zu immens schweren und süßen Torten bietet die Cheesecake Factory ein reichhaltiges typisch amerikanisches Essen: Burger, Steaks, Fisch und eine Menge Salate – mal gesund und mal überladen mit Soße. Nachdem aber die XXS Sweaters von Abercrombie & Co immer enger wurden, hat das Management der Factory neue Healthy Options in das Speiseangebot aufgenommen. Dort entdecke ich einen „Healthy“ Caesar Salad mit 1.900 Kalorien!

Intensiver Schlaf

Ich gehe um Mitternacht ins Bett – Ortszeit. Das entspricht 9 Uhr am Morgen in Wien. Ich schlafe fünf Stunden, die aber intensiv und wache völlig gerädert auf. Ich entscheide mich also ein Uber zu bestellen und mich zur Manhattan Beach zu begeben, um den Morgen am Strand von L.A. live zu erleben. Es ist kühl geworden und bedeckt. Die warmen Temperaturen vom Vortag haben das Meer erhitzt und damit Feuchtigkeit aus dem Pazifik in die kalte Morgenluft gezogen. Es ist etwas nebelig, von Sonne keine Spur. Dennoch, der Reiz der Bilder am Strand versöhnt mich und meine Nikon. Sie versprechen einen Hauch von Mystik – so ganz anders, als die Menschen in der Cheesecake Factory am Vorabend.

Surfer Dudes

Den Strand beherrschen die Surfer, die an diesem Morgen zahlreich und geduldig auf die perfekte Welle warten, die Jogger und die Fischer am Pier. Ich verstecke mich hinter den Pfeilern des Piers und erhasche ein paar Eindrücke von den Surfern. Neopren schützt sie vor dem kalten Wasser, sobald aber die nächste und vielversprechende Welle naht, springen sie auf ihre Bretter und freuen sich wie kleine Kinder. Ich treffe Michael, einen Mittdreißiger aus der Gegend, der mit einer Gruppe Teenager zum Strand kam. „Surfen ist unsere Art den Tag zu beginnen“, sagt er mir und meint damit die lachenden und quirligen Kinder, die in bunten Neoprenanzügen und gebrauchten Surfbrettern kreischend in Richtung Pazifik laufen. „Wir treffen uns fast jeden Morgen hier am Manhattan Beach und üben gemeinsam. Später gehen die Kids in ihre Schulen und sind mega gechillt.“

Kim war erfolgreich und holt eine Menge kleiner Fische an Land.

Oben am Pier stehen Fischer. Kim aus Korea steht hier und wartet darauf, dass Barrakudas, Makrelen oder Sardinen anbeißen. Das Angeln am Pier ist grundsätzlich jedem erlaubt. Auch ich könne gleich loslegen, sagt Kim. Ich lehne dankend ab und sehe dem Treiben zu. Vor allem die Möwen scheinen ihren Spaß zu haben und schnappen Kim und seinen Fischerkollegen bei jeder Gelegenheit den frischen Fisch weg. Am Weg zum Hermosa Beach, der letzten Station dieses L.A. Trips, überrascht mich die Freundlichkeit der Menschen am Strand. Mich begrüßen Spaziergänger und Jogger, freundlich und mit einem breiten Grinser und ohne Ausnahme. Hier am Strand sind wir irgendwie alle eins, hier am Strand von L.A. um 7 Uhr Morgens sind wir alle Surfer Dudes. Mich begrüßen Spaziergänger und Jogger, freundlich und mit einem breiten Grinser und ohne Ausnahme. Hier am Strand sind wir irgendwie alle eins, hier am Strand von L.A. um 7 Uhr Morgens sind wir alle Surfer Dudes.

Abschied von L.A.

Das Frühstück im Hotel habe ich mir verdient. Ich werde immer müder, aber Ulla, meine Kellnerin im Los Angeles Marriott hält mich bei Laune. Mittags muss ich mich fertigmachen und einchecken. Um 15.15 Uhr geht es wieder nach Wien. Ich sitze in der Premium Economy, das heißt ich kann ein wenig schlafen. Das werde ich brauchen, denn sofort nach Ankunft in Wien (11 Stunden dauert der Rückflug) muss ich zur Taufvorbesprechung meines Neffen Julius. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben Taufpate.

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