Freud, Leid und Mozart

Samstage verbringe ich selten in der Stadt. Meist flüchte ich in die Obersteiermark aufs Land und in die Berge. Diesmal nicht. Diesmal bleibe ich freiwillig in Wien und nutze den Samstagvormittag, um einen der bekanntesten Flohmärkte Österreichs zu besuchen, den Naschmarkt. 

Es ist kalt an diesem Apriltag, aber sonnig. Eigentlich, so haben mir Freunde gesagt, müsse ich schon um fünf Uhr morgens hier sein. Aber wer soll das schaffen, so früh an einem Samstag auf den Beinen? Ich nicht, ich kaufe auch nichts, ich will nur die Stimmung erhaschen, mich treiben lassen vom Bauch der Wiener. Ich bin gespannt auf das Flair, die Menschen, die Eindrücke, die Bilder und die Gerüche. Nach 15 Jahren in Wien muss ich den Flohmarkt am Naschmarkt sehen. Das bin ich der Geschichte, den Sehenswürdigkeiten schuldig, das bin ich meiner Stadt schuldig.

Feudaler Empfang

Meine Nikon im Anschlag steige ich die Treppen der U4-Station Kettenbrückengasse hoch und betrete Wiens weltberühmten Markt über ein bemerkenswertes Stationsgebäude. Patiniertes Pastellgrün, geschlungene Verzierungen, Gold, weißer Gips und geometrische Formen. Hier empfängt mich Otto Wagner. Und Wagner wusste zu beeindrucken, auch hier am Naschmarkt. Den Marktplatz flankieren Zinshäuser im Jugendstil. Darunter Juwelen wie das Majolikahaus, ebenfalls ein Werk von Otto Wagner. Aber auch Zeitgenossen wie Koloman Moser oder Othmar Schimkowitz haben sich hier architektonisch verewigt. An den Seiten des Marktes verlaufen Linke und Rechte Wienzeile, zwei stark befahrene Verkehrswege in die Stadt und wieder aus dieser heraus in Richtung Schönbrunn und Hietzing. Das Setting ist imperial und sehr europäisch. Wohnte ich nicht in Wien, ich wäre schwer beeindruckt von dieser Bühne.

Schmelztiegel Osteuropas

Der Flohmarkt ist überfüllt. Hunderte Menschen zwängen sich zwischen die eng aneinander stehenden Verkaufstische hindurch. Viele verkaufen gleich vom Boden. Die Ware hier unten ist schwer greifbar, Handys, Uhren, Schmuck, Kleingeräte. Es scheint als müsse diese Ware schnell die Besitzer wechseln, die Herkunft nicht eindeutig geklärt. An den Tischen und in den Verkaufszelten stehen die Stammverkäufer.

Billy steht hier und gleich um die Ecke vom Ausgang der U-Bahn-Station. Billy heißt eigentlich Zoran, kommt aus Montenegro und hat eine kleine Räumungsfirma im 6. Wiener Gemeindebezirk. Billy ist Herausgeber des Räumungs-Billy, einer billig produzierten Zeitung der Wiener Räumungsszene. Sein grimmig wirkender Blick täuscht. Er ist sehr gesprächig und erzählt mir, dass es früher besser war. „Heute kommen sie mit gestohlener Ware von Einbrüchen der letzten Tage. Unerfahrene Jungs aus Bulgarien, die ihren Sold an ihre Bosse abliefern müssen“, sagt Billy. Ihm würden sie ins Geschäft „pfuschen“, seine Arbeit schwierig machen. Ihm sei das aber egal, er mache weiter, räumt täglich Wohnungen Verstorbener aus. Eine harte Arbeit sei das „meist ist es nur wertloses Zeug, nur selten finde ich Wertvolles.“ 

Billy der Entrümpler

Zwei Tische weiter steht eine Frau, die ich nicht anspreche. Ihr nahezu leerer Blick in die Ferne, hinaus zu einer Hoffnung, die weder für mich noch für sie selbst greifbar scheint, fasziniert mich. Ich drücke ab, banne ihr Bildnis für meine Erinnerungen. Zwischen all der Hektik ist sie die Ruhe, die ich akustisch nicht zu greifen vermag, visuell aber deuten kann. 

woman looking pensive

Ich gehe weiter und treffe Arslan. Er ist 24, kommt aus der Türkei, lebt seit seinem 10 Lebensjahr in Wien, spricht gebrochen Deutsch. Sein Vorname heißt in seiner Heimat Löwe. Doch hinter den unzähligen kleinen Habseligkeiten, die er auf seinem Stand verkauft, scheint wenig löwenhaft an ihm zu sein.

Arslan sorgt sich um seine Eltern und steht jeden Samstag am Naschmarkt.

Arslan wirkt in sich gekehrt, fast etwas traurig. Er habe Schulden gemacht, um die Einzimmerwohnung seiner Eltern auszumalen. „Die Wohnung war feucht, Schimmel bis an die Decke. Meine Mutter hat viel gehustet. Seit ein paar Monaten bin ich jeden Samstag hier und versuche Dinge zu verkaufen. Aber mein Standplatz ist teuer und das Geschäft ist sehr schleppend. Viele Schauer“, meint Arslan und deutet auf eine Gruppe Touristen, die gaffend vorbeigehen und pausenlos Fotografieren. Den Rest der Woche arbeitet er als Hilfskraft bei einem Malerbetrieb. Die Kraft des Königs der Tiere scheint tief in ihm drinnen zu schlummern, nur in den funkelnd schwarzen Augen des Jungen erahne ich die Kraft des Löwen. 

Die Profiliga

Abseits der kargen Ecken dieses Flohmarktes gibt es die Profis, die Stammverkäufer. Eine eingeschworene Clique an hartgesottenen Altwarenhändlern. Sie sind meist aus der Gegend, selten aus dem Ausland. Ihre Marktstände unterscheiden sich deutlich. Zelte schützen ihre Ware, sie sitzen auf antiken Stühlen oder tratschen mit den Nachbarn bei einem heißen Kaffee aus der Thermoskanne. Auch ihre Ware scheint hochwertiger. Hier liegen ein paar Schätze. Der erste Versuch einer Kundin zu handeln bestätigt meine Vermutung: hier ist es teuer. Und im Gegensatz zu Arslan, hier muss man nicht verkaufen.

Stammkunden pilgern jeden Samstag zum Naschmarkt.

Hier gibt es fast alles. Platten, Möbel, Schmuck, Uhren, Bücher, Geschirr, Textilien, Erinnerungen an die zwei Weltkriege, kirchliches. Dazwischen Mozart. Eine kleine Porzellanfigur, die gemütlich sitzend dem Treiben zusieht. 

Mozart hat seine Freude am Naschmarkt.

Hier bin ich zu Hause, hier erwischt mich der Flohmarktvirus. Ich entdecke viel, dass ich plötzlich haben will. Ich vergesse Fotos zu machen, ich krame in den Schatullen, wühle in den Bananenboxen und feilsche mit den Händlern. Aber ich kaufe nichts. Das ist auch gut so. 

Am Weg nach Hause bin ich satt, gesättigt von den Eindrücken dieses Tages. Ich nehme Freude und auch Leid mit nach Hause. Ich bin froh, dass ich alles mit meiner Nikon teilen konnte, dass ich meine Erinnerungen niederschreiben kann. In der U-Bahn denke ich nochmal an Arslan, an die alte Frau, an die Bettlerin, an Billy und an die Regelmäßigkeit, mit der sich dieses Spiel aus Freud, Leid und der Leichtigkeit Mozarts Woche für Woche zwischen Linker und Rechter Wienzeile wiederholt. 

Infobox

  • Den Flohmarkt am Naschmarkt gibt es seit 40 Jahren
  • 400 private und gewerbliche Verkäuferinnen und Verkäufer
  • Wann: Samstag 6.30-14.00 Uhr
  • Wo: Linke Wienzeile bei der Kettenbrückengasse
  • U4 Station Kettenbrückengasse
  • Standplatz ab 21,80 EUR
  • Webseite: www.wien.gv.at/freizeit/einkaufen/maerkte/flohmarkt


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