Montréal: Hafen, Zirkus und 279 Stufen zum Himmel

Fliegen muss man mögen. Das sage ich diese Tage oft und versuche damit meinen Wahnsinn zu erklären, wieder einmal in ein Flugzeug zu steigen, um 6.662 km hin und wieder zurück in 48 Stunden zu fliegen. Diesmal heißt das Ziel Montréal, liegt verglichen mit meinem letzten Reiseziel Los Angeles nah bei Europa, an der Ostküste von Nordamerika und ist eine Metropole im französischen Kanada. Auch der Chef von Austrian Airlines, dem ich bei einem gemeinsamen Abendessen kurz davor von dieser Reise erzählt habe, blickt etwas verdutzt, erkennt aber schnell meine Begeisterung und lässt davon ab, mir zu einem längeren Aufenthalt zu raten.

Montréal in 3 Schritten

Mein Macbook wird heiß am Tag vor dem Abflug. Ich suche verbissen nach Tipps für die kanadische Millionenstadt, eigentlich nach den drei Top-Sehenswürdigkeiten. Mehr geht sich nicht aus. Ich bleibe nur 24 Stunden. Neun Stunden fliege ich hin, acht zurück. Dazwischen liegt eine Nacht und sechs Stunden Zeitverschiebung. Das Ergebnis: Kathedrale Notre Dame, Vieux Port und das Oratoire Saint-Joseph du Mont-Royal. Ich packe meinen neuen Fotorucksack von Gitzo, mein neues 70-200 mm F2,8 DG OS HSM Sports von SIGMA und bin bereit.

Beine Ausstrecken

Bei meinem letzten Trip konnte ich die Vorzüge der Premium Economy-Class von Austrian Airlines testen und war begeistert. Nach Montréal sitze ich in der Business-Class. Ein glattes Wunder, das ich den 12 freien Plätzen, vor allem aber der Weisheit meines Mannes verdanke, der ein Standby-Ticket für die Business-Class für mich gebucht hat. Ich sitze auf 7A, das ist die letzte Business-Class-Reihe auf dieser Boeing 767-300 (OE-LAY), direkt am Fenster. Vor mir unendliche Weiten von Beinfreiheit, ein 15 Zoll hochauflösender Touchscreen, drei Ablagefächer, ledergepolsterter Kopfhörer, Kopfkissen und Kuscheldecke. Sogar mein Sicherheitsgurt ist gepolstert. Zur Begrüßung gibt es Champagner, eine extrem freundliche Crew und das zufriedene Lächeln meines Mannes, Purser auf diesem Flug, der froh ist, dass alles gut gegangen ist und ich mitfliegen kann. 

Ich will diese Beinfreiheit fotografieren, will mich aber nicht als selbstverliebter Travelblogger ausgeben, versuche aber zumindest einen verstohlenen Schnappschuss. Das geht auf die Qualität des Bildes und ich greife nur allzu gerne auf das Symbolfoto der Fluggesellschaft zurück, um meinem kurzen Luxus zu dokumentieren.

Nach 12:30 Stunden Flugzeit von Wien nach Los Angeles sind die knappen neun Stunden von Wien nach Montréal quasi ein Kurzflug. Ich schaue einen Film, fotografiere ein wenig und schreibe an meinen Blogs. Fünfgängiges Mittagessen, der Gobelsburger Grüne Veltliner, die Beerenauslese von Kracher aus dem Burgenland und die Austrian-Crew-Empfehlung Gin Summer Cup lassen die Zeit– Achtung Wortwitz – wie im Flug vergehen. Die zweite Mahlzeit vor der Landung, deftige gebratene Augsburger oder das leicht anmutende Räucherlachs Avocado Tartare, lasse ich aus und versuche meinen Alkoholkonsum der letzten Stunden mit stillem Wasser ungeschehen zu machen. 

Kanadische Un-Eile

Nach 8:25 Stunden Flugzeit landet der Kapitän die Boeing sicher am Flughafen Pierre Elliot Trudeau in Montréal, Kanada. Ich merke Kanada sofort, seine Un-Eile, seine Größe, seine Verschrobenheit. Bei der kurzen Konversation mit der Grenzbeamtin erkenne ich das Französisch aus Frankreich kaum. Viel mehr denke ich an einem kermithaften Versuch, durch die Nase eine Art Mischung aus Französisch und amerikanischem Englisch zu sprechen. Egal, keine Schlange bei der Passkontrolle, ich bekomme nicht einmal einen Stempel in meinen Reisepass, das Einreisen geht derart schnell, dass ich noch vor der Crew den Flughafen verlasse. Montréal ich komme.

Farbenfrohes Gottesdenkmal

Meine erste Station ist Notre-Dame de Montréal, die Kathedrale der Stadt. Am Beginn des 19. Jahrhunderts erbaut besticht die Kirche mit, sagen wir, einem gewissen kanadischem Schick. Blau und Gold sind die bestimmenden Farben im Innenraum. Der Altar wirkt wie eine Szene aus dem Cirque du Soleil, der ist übrigens auch aus Montréal. Ähnlich berühmt ist auch der Eintrittspreis von 8 Euro.

Alter Hafen und Sankt Lorenz

Le Vieux nennt sich das Viertel rund um den alten Hafen der Stadt. Dort wo der Sankt-Lorenz-Strom Montréal mit dem Wasser der Großen Seen markant durchschneidet, sammelt sich in pittoresken Steinhäusern aus dem 18. Jahrhundert die umfassende Geschichte Montréals. Boutiquen, Galerien, Bars. Die Atmosphäre ist ausgelassen, es ist Freitagabend. Die Einheimischen strömen von den Büros in die Lokale und starten feiernd ins Wochenende. 

Der Spaziergang am Hafen, wenn auch schon sehr gequält durch das Gewicht meines Fotorucksacks, dem neuen 70-200mm Teleobjektiv (Gewicht 1,8 kg) und meiner Müdigkeit, ist reich an Eindrücken. Yachten, begrünte freie Flächen, Architektur, geschickt revitalisierte Hafengebäude und die untergehende Sonne hinter der Skyline der Stadt.

Chapelle de Notre-Dame-de-Bon-Secours

Auch hier begegne ich dem bekanntesten aller Montréal Exporte, dem Cirque du Soleil. Aus dem Zirkuszelt am Pier dröhnen die markanten Multi-Kulti-Klänge von Alegria, jener Show, die den Zirkus 1994 bis nach Österreich touren ließ und mich zum Fan transformierte. Ich beende den Tag mit einem Besuch in China Town, einer Dim-Sum-Platte und einem Bier in einer der Bars in der Altstadt. 

279 Stufen zum Himmel

Aufgang zur Kirche

Die Kirche Oratoire Saint-Joseph du Mont-Royal steht am zweiten und letzten Tag auf meinem Besichtigungsplan. In den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts erbaut, 129 Meter hoch und 105 Meter lang, ist sie die größte Kirche in Kanada. Ihre Kapazität von insgesamt 10.000, davon 3.000 Sitzplätze, lassen die Dimensionen erahnen. 279 Stufen trennen mich und meine 9 Kilo Fotoausrüstung am Rücken vom „Himmel von Montréal“. Es ist heiß an diesem Tag und ich schnaufe die Treppen hoch. Ich fühle mich dabei wie ein Marine der Eliteeinheit, allerdings ohne Elite und ohne ausreichend Training. Neben mir erklimmen Menschen den Kirchberg auf Knien! Mir reicht mein unendlich devoter Aufstieg, um meine Gläubigkeit vom Kampfgewicht meines Rucksacks abzuleiten. Am Ende werde ich belohnt: Aussicht, Architektur der 1920er bis 1960er und die Erkenntnis, dass Glaube Berge versetzen kann. 

Der Weg bergab beschließt meine 24 Stunden in Montréal. Ich fahre zurück ins Hotel, dann zum Flughafen und bringe rund 150 Fotos mit nach Hause. 

Charmanter Sturschädel

Ich sitze in der OE-LAZ, wieder einer Boeing 767-300 von Austrian Airlines und wieder auf 7A. Die Flugzeit ist mit 7:20 Stunden angesetzt. Das Essen ist herrlich, die Getränke ebenso. Der Herr schräg vor mir weckt meine Aufmerksamkeit. Grobschlächtig, bellender Dialekt, aber gut gekleidet, jedoch mit getrimmtem 70er-Schnauzer. Er wirkt unsicher im Business-Class-Terrain, scheint das erste Mal darin zu fliegen. Seine Frau neben ihm rollt hin und wieder bei den Wortmeldungen ihres Mannes die Augen. Das kann ich in der Spiegelung ihres Bildschirms sehen. Spätestens bei seiner freundlich und bestimmten Frage nach der „Nochspeis“ oder ob „des scho ois is“ wird es der Frau zu bunt. Sofort nachdem der Flugbegleiter in sicherer Entfernung ist, versucht sie ihren Mann zur Raison zu bringen, mit ebenso bellendem österreichisch – unverkennbar Burgenland. Es nutzt nichts. Der Sturschädel neben ihr ist stärker und liefert mir eine gute Textidee nach der anderen, die ich sicher sehr bald in einem meiner Blogs verarbeite. (Cliff Hanger: Stay Tuned!)

Au revoire Montréal.

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