Schwermut und gallischer Schnauzer in St. Michel

Ich bin in Montréal, in einer alten Fabrikshalle weit draußen in einem Außenbezirk der Stadt. Es ist Samstag früh am Morgen und der Weg hierher war mühsam. Die U-Bahn hatte technische Probleme. Die Lautsprecheransage war unverständlich – irgendetwas ist „malade“ also krank. So viel konnte ich verstehen. Und dabei hat kanadisches Französisch wenig mit jener Sprache gemein, die ich aus Paris, Nizza oder Lyon kenne. Vierschrötig fremd klingt die Sprache und es ist fast so, als ob sie französische Leichtigkeit mit holzfällerischer Gewalt und erbarmungslosem Frost getauscht hätten. Hart, unmelodisch und sehr laut. 

Die kränkelnde U-Bahn

Irgendwann kam ich an, in diesem Teil von Montréal. Schäbig und heruntergekommen die Häuser, die Vorgärten zugemüllt, die Straße laut. Hier gibt es wenig Schönes, nur diese echte Realität, die so oft in Nordamerika harte Grenzen zwischen Stadtteilen und Gesellschaften zieht.

Neben einer Tankstelle dann die Halle von St. Michel, der bekannteste aller Flohmärkte Montréals. 

Geruch der Vergangenheit und Sorgen der Zukunft

Die Luft ist stickig, es riecht nach alten Büchern, vergilbten Magazinen, Schallplatten.

Im Inneren wirkt alles klein. So vollgeräumt sind die Kojen, die sich die Händlerinnen und Händler gebaut haben. Manche aus Sperrholz, abgetrennt mit Planen, andere mit Wellblech, wenige mit Gitter. Hier wirkt nichts professionell. Ich sehe Elektrogeräte, die ich noch aus meiner Kindheit kenne, alte Fotoapparate, Werbetafeln, Spielzeug und Möbel, die einmal noch ihren letzten Auftritt haben. Vintage, Antik, Tand, alles hat hier seine Bühne.

Dazwischen Menschen. Sie verstecken sich hinter ihren antiken Schätzen oder quasseln mit anderen. Es sind Menschen wie Sébastien, der gerne mit mir spricht, nur Fotos von sich hasst. Ich erwische ihn trotzdem in seiner Koje, die vollgeräumt ist mit Lampen, alten Ölbildern in schweren Goldrahmen und Statuetten, und mache einen Schnappschuss von ihm.

Sébastien und seine Familie

„Vente de Liquidation“ ist an den wenigen freien Flächen seines Ladens affichiert. Sébastien sperrt zu, nach 30 Jahren in St. Michel und endlos vielen Wochenenden, die er hier verbracht hat. Er hat Schulden, Sébastien ist pleite. Verloren in seine eigene Welt blickt er immer wieder über sein kleines Reich, das ihm so viele Jahre Heimat und auch sicherer Hafen war. „Ich kann nur das, mache das schon mein halbes Leben“, sagt Sébastien mit melancholischen Augen, die unter seiner abgegriffenen Brille hervorblicken. Früher habe er in einer Tabakfabrik in Quebec gearbeitet, der Rock City Tobacco Company, und die filterlosen Black Cat Zigaretten paketiert. Viele dieser schweren Virginia-Zigaretten hat Sébastien dabei selbst geraucht, so viele, dass er heute mit unverkennbaren Zeichen seines Lungenkrebses zu kämpfen hat. Sébastien hustet immer wieder während unseres Gesprächs, schwer, tief, schleimig und kräftezehrend. Sébastien weiß um sein Ende und bleibt dabei dennoch ruhig. „Was soll ich tun, ich habe wenig Erspartes und keine Familie. Da bleibt mir nur das hier, mein eigener Laden und meine Schätze.“

Ich begreife langsam. Für Sébastien, der gerade eine seiner kleinen Figuren in die Hand nimmt, sie sorgsam abstaubt und dabei liebevoll streichelt, sind alle Objekte um ihn herum seine Familie. Fast spüre ich, dass sich Sébastien gar nicht von ihnen trennen will. Ich will wissen wie es bei ihm weitergeht, ob er Hoffnung hat. Sébastien lacht: „Kleiner, besser wird‘s bei mir nicht, aber das ist egal. Ich bleibe hier noch ein paar Monate mit meinem Laden. Das haben der Vermieter und ich vereinbart. Was dann kommt, das sehen wir dann.“ Ich verabschiede mich von Sébastien und weiß, dass ich ihn nie mehr wiedersehen werde. Seine Geschichte bewegt mich, prägt meine Stimmung, als ich die Gänge weitergehe in diesem wirren Labyrinth an Planen, Gängen und Kojen. 

Ich Influencer und Manuel der Gallier

Einen Stock höher lichtet sich meine Melancholie und der Weltschmerz der letzten Minuten. Der Kiosk Manuel ist voller Lampen, Etageren und Schmuck und eben Manuel, dem fotoscheuen Kioskbesitzer (leider kein Foto). Drall, groß, Anfang 60, dicker gallischer Schnauzer – irgendwie sind sie hier in Montréal eben doch Franzosen – und ein breites, freundliches Grinsen.

Manuels Kiosk im 1. Stock von St. Michel

Ein Schild sticht heraus auf dem steht „Interac & Paypal“. Das sind zwei Online-Bezahlsysteme, die Manuel als Zahlungsmittel für seine Waren akzeptiert. Warum das so ist, frage ich. „Weil hier ständig Leute wie du hereinkommen“, herrscht mich Manuel verschmitzt an. „Touristen mit Kameras und Handy, die alles fotografieren und ins Netz stellen – Influencer.“ Manuel macht dabei diese ironische Geste für Anführungszeichen und scheibt sein Kinn unverkennbar in meine Richtung. „Viele nehmen auch etwas mit nach Hause, keine großen Gegenstände, aber so Kleinteile, meist Vintage-Sachen.“ Indirekt fühle ich mich sofort angesprochen. Vielleicht liegt es daran, dass Manuel eine ausgeklügelte Gestik und Mimik hat, die irgendwie immer auf mich abzielt. Er sei zufrieden mit dem Geschäft, sagt Manuel. „Hier jammern zwar alle, wenn du sie fragst, aber niemand geht hier mit leeren Händen hinaus. Nicht du als Kunde und schon gar nicht wir Händler.“

Ich erkenne das Signal sofort, diesen subtilen Kaufbefehl, den mir Manuels graumelierter Asterix-Schnauzer da zuwippt und suche verzweifelt nach kleinen Dingen, von denen er gesprochen hat. Eine Antiquität, die ich leicht mit ins Flugzeug und nach Hause nehmen könnte. Ich finde eine Bleikristallkaraffe – nicht wirklich ein ich-pack-dich-einfach-ein-Teil, aber wunderschön. Ich handle auf 40 CAD, das sind etwa 27 Euro, herunter – wenn wir bei 2 CAD Nachlass von einer Form des Handelns sprechen können. Das ist kein Schnäppchen, aber irgendwie bin ich Manuel hörig. Oder ist es dieser Schnauzer, der mich so verwirrt? Ich zahle mit Paypal und fühle mich mondän. Ich 24 Stunden in Montréal am Wochenende, Business Class Flug, beinahe Influencer, Interviews, Antiquitätenkauf, Online bezahlen. Beseelt verabschiede ich mich von Manuel und schleppe nun, neben meinem acht Kilo schweren Fotorucksack, auch noch eine unhandlich verpackte Glaskaraffe mit mir herum. 

Ich werde in Zukunft dicke Männer mit gallischen Schnauzern meiden. Sie scheinen großen Einfluss auf mich zu haben. Montréal aber, das sieht mich wieder. Austrian Airlines bietet Wien – Montréal übrigens täglich im Direktflug an. Tickets ab 495 Euro unter www.austrian.com.

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