Grado, das Stella Maris und Alessandro, der Kellner

Grado heißt so viel wie grau. Italienisch ist das nicht, vielmehr ist es ein friaulischer Dialekt, der rund um Grado zu hören ist. Grado oder Gravo ist eine norditalienische kleine Stadt am Meer, eingebettet in einen rund 17 Kilometer langen Küstenabschnitt, der Lagune, westlich des Isonzo. Bis heute hat Grado eine unverkennbare Verbindung zur österreichischen Geschichte – vielleicht auch umgekehrt. So genau weiß man das nicht. Fakt ist, dass in uns Österreichern, besonders in jenen, die Grado kennen, für immer eine Art Sehnsucht für diesen Ort schlummert. Nicht sentimental, nicht melancholisch, sondern eine wohlige Erinnerung an die Luft, das Meer und das Gradeser Leben. 

Die SR352 – Brücke zwischen Festland und Insel in der Lagune

Besonders lebendig dabei ist die Erinnerung an eine letzte lange Gerade kurz vor der Ortseinfahrt von Grado, die Strada Regionale 352. Sie verbindet die Laguneninsel mit dem Festland. Über diese Straße müssen alle, um nach Grado zu kommen, außer sie machen einen weiten Umweg. Nach einer langen Fahrt durch enge Bergtäler und entlang des Tagliamento, vorbei an Pontebba, ein schneller Espresso in Campiolo, weiter nach Udine, endlose Baumalleen bei Palmanova und Cervignano, geben die letzten Kilometer der SR352 den Blick frei auf das offene Meer und lässt die Reisenden endlich die besonders salzige Brise der Lagune schnuppern. Fenster auf, Luft holen, atmen. Grado, endlich da. 

Der Blick vom Meer auf das Stella Maris

Verzeihende Geliebte

20 Jahre ist es her. 20 Jahre, die ich nicht in dieser Stadt war. Sehnsüchtig? Sehr, aber Grado ist immer da – immer da in meinem Kopf und wartet wie eine geduldige Geliebte, die immer verzeiht, wenn man sie wieder einmal betrogen hat. Und ich habe Grado oft betrogen. Mit Paris, Palermo, New York, mit London, Tel Aviv, Athen, Los Angeles, mit Tokio und Miami. Aber jetzt, 20 Jahre später, jetzt sehen wir uns wieder. Es ist 2019, ich fahre die letzten Kilometer der SR 352 und atme tief ein. Wir haben uns wieder, Grado und ich. Wir fühlen uns, wir spüren uns und ich verliebe mich aufs Neue. 

Fidelia, Maria und die Köchin

Das Stella Maris ist meine Heimat für die nächsten Tage. Ein einfaches 3-Stern Haus, das vor allem durch seine Lage direkt am Meer und am Lungomare, dem begehbaren Deich zwischen Meer und tiefergelegenen Stadt punktet. Mich aber verbindet mit dem Stella Maris viel mehr, als nur der sensationelle Blick direkt auf das Meer. Ich kenne das Haus seit meiner Kindheit. Mit sechs war ich zum ersten Mal hier, krank und mit geschwächter Lunge. Mein Vater hat mich hierhergebracht. Grado und dieses Haus haben mir geholfen, mich wieder gesund werden lassen. Die Luft in Grado ist reich an Jod und hilft bei Lungenkrankheiten. Einer der Gründe für den Aufschwung Grados in der K.u.K. Monarchie. 

In den Jahren, die ich ins Stella Maris kam, haben zwei Nonnen das Haus geführt, Schwester Fidelia und Schwester Maria. Fidelia, groß, mächtig und füllig, schwirrte unermüdlich in ihrer weißen Nonnentracht durchs Haus. Wie eine fleißige Biene, ständig in Bewegung. Maria, ganz in schwarz, war zart, fast zerbrechlich. Sie saß meist hinter der Rezeption, sprach leise und war sehr ruhig. Gelegentlich sah ich Marias Kopf hinter der Theke der Rezeption schwanken. Dann war sie wieder weggenickt, erholte sich ein wenig. Unaufhörlich strahlten mich beide an, Fidelia mit mütterlicher Liebe, Maria mit ganz viel Anmut. Noch heute sind das gewinnende Lächeln der beiden und ihre gütige Art eine meiner wertvollsten Erinnerungen an dieses Haus – das spüre ich sofort beim Betreten des Foyers. 

Dann gab es im Stella Maris noch eine wichtige Frau. In der Küche, hinter dampfenden Kochtöpfen auf einem riesigen Herd war das Reich von Filomena, der Hausköchin. Pasta, frischer Fisch vom Markt, Gemüse aus dem Friaul, Süßspeisen – Filomena war ständig am Kochen. Italienisch laut war sie dabei und eine Seele eines Menschen. Ihre explodierende Freundlichkeit erkannte ich in ihrem breiten Grinsen, wenn sie mir etwas zum Kosten gab. Ihre Augen dabei glückselig unter der vom kochenden Nudelwasser beschlagenen Brille. Ihr unglaubliches Talent schmeckte ich in den von ihr zubereiteten Speisen: Liebe, Feingefühl, Herzlichkeit und seltenes Geschick. (M)Eine echte italienische Mamma. 

Alessandro, eine erste Liebe

Und dann war da noch ein Kellner, Alessandro. Ein junger Italiener, stolz, männlich, selbstbewusst. Gestärktes weißes Hemd, schwarze Hose, dunkle Haare, sicher über 1,80 groß, attraktiv, kokett und sehr redselig. Seine charmante und nahbare Art ließ mich kleinen Stöpsel erwachsen fühlen. Trotz der mindestens 20 Jahre Altersunterschied, ich war gefühlt gleich alt wie Alessandro. Mit Alessandro saß ich in der Küche und aß Eis, das wir aus Filomenas Vorräten zuvor stahlen. Alessandro brachte mir meine ersten italienischen Worte bei: sì, no, grazie, Buongiorno, come stai (mit Handbewegung), ciao. Alessandro begleitete ich in die abgesperrten Bereiche des Hotels und zum Rauchen durch den Hinterausgang. Neidvoll blickte ich dabei auf Alessandros männliches Gehabe, wie er dastand und seine qualmende Zigarette zu seinem Mund führte, behutsam daran zog, kurz ausgeharrte, um dann lässige Ringe mit dem Rauch zu formen. Ich wollte auch rauchen, wollte so unbefangen sein wie er, so italienisch. Meine Kaugummizigaretten, die mir mein Vater in Tarvis besorgt hatte, gaben das aber nicht her. Schon gar nicht gaben sie genügend Männlichkeit ab, um mich als ein ebenbürtiger Alessandro zu fühlen. So musste ich zusehen.

Alessandro und ich – er rauchend, ich schmachtend – beobachteten vor allem die Mädchen, die selten aber doch durch die Via dei Provveditori gingen. Hin und wieder pfiff er – ich auch, so gut ich konnte – und rief etwas hinterher, machte ausladende Gesten. Jede Reaktion der Mädchen kommentierten wir lautstark. Er auf italienisch und ich in einem brabbelnden Sprachgemisch aus imitierenden Gutturallauten, vielen Ohs und Ahs und ganz vielen „que bella“s. Italienisch konnte ich nicht, aber meine Version davon klang sehr echt – zumindest für mich. Alessandro hatte seine Freude.

Nachdem er mit dem Rauchen fertig war schnalzte Alessandro mit der Zunge, zwinkerte mir zu oder wuselte durch mein Haar und endete unsere kumpelhafte Zweisamkeit meist mit einem „Allora andiamo“. Mir gefiel diese Privatzeit mit Alessandro und ich geriet ein wenig ins Schwärmen. Nicht für die wenigen Gradeser Mädchen, die hin und wieder – abschätzig mitleidsvoll – zu mir blickten. Ich schwärmte für Alessandro dem italienischsten aller Männer, die ich damals um mich herum wahrnahm. 

Es fühlt sich an wie Heimat

Ich bin in den Jahren darauf oft nach Grado und ins Stella Maris gekommen. Meist zu Ostern, wo ich von Schwester Fidelia am Ostersonntag einen kleinen Geschenkkorb mit grünem Papiergras, gelben Stoffküken und bunten Ostereiern auf den Tisch gestellt bekam. Was zwischen damals und heute mit dem Stella Maris und seinen Protagonistinnen und Protagonisten geschah, weiß ich nicht. Maria, so heißt es, starb bald nach meinem letzten Aufenthalt. Auch Fidelia lebt nicht mehr. Und Alessandro, den habe ich schon bald nach meinen ersten Jahren in Grado aus den Augen verloren. Das Stella Maris selbst soll mehr als 10 Jahre leer gestanden haben. Und jetzt stehe ich wieder hier, sehe die Porzellanmadonna in der Eingangshalle. Es riecht vertraut und fühlt sich dabei an wie Heimat. Nur Fidelia, Maria, Filomena und der hübsche Alessandro fehlen. 

Statt ihnen heißt mich Laura willkommen, an meiner Seite ist mein Mann Tom. Und es ist schön so. 

Buchen kann man das Stella Maris übrigens auch ganz einfach direkt auf https://www.stellamarisgrado.it/de/.

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